Neun Zugänge zur Seele - Das Enneagramm als wirksames Werkzeug für Heil- und Lehrberufe

von Steffen Wöhner und Luna U. Müller

Leiden und Heilung
Das Enneagramm ist nicht nur für die eigene Selbsterkenntnis oder -entfaltung von großer Wirkung. Es kann auch für Therapeuten, Lehrer, Coaches, Heilpraktiker ein wertvolles Instrument sein. Was hilft oder heilt uns, wenn wir leiden, wenn wir uns innerlich/seelisch krank fühlen? Diese Frage stellt sich jeder Therapeut, der tagtäglich in Kontakt ist mit Patienten und deren Problemen und Schwierigkeiten, mit Leidensgeschichten und Traumata. Es gibt viele ernstzunehmende Ansätze, wie ein Heilungsweg beschritten werden kann, und vielleicht lohnt es sich, das „Wesen“ von Heilung aus einer umfassenden und spirituellen Sicht zu betrachten. Dazu sagt der Weisheitslehrer OM C. Parkin:
„Heilung im umfassenden Sinne verstehen wir als Rückbindung zur inneren Quelle. Diese Rückverbindung bedeutet Ganzwerdung, oder auch Einswerdung als reale innere Erfahrung des Menschen während eines sich vollendenden Heilprozesses. Das leidvoll als abgetrennt empfundene, das Gespaltene fügt sich wieder zusammen in einem bewussten Akt der Wiedervereinigung. Diese Rückverbindung kann nicht im physischen Körper geschehen, sondern ausschließlich in der geistigen Welt des Menschen. Dementsprechend kommt der geistigen Heilung auch die höchste Wertigkeit zu. Tiefgreifende geistige Heilprozesse haben meist einen heilenden Einfluss auf die untergeordneten Körper des Menschen: seinen Emotionalkörper, seinen physischen Körper.“ Wenn wir Heilung auf diese Weise verstehen, dann schenkt uns das ein tieferes Verständnis dafür, was in einer Therapie geschehen kann: Integration. Die Integration von psychischen Inhalten, von noch unbewussten Gefühlen und Kräften, von Aspekten unserer selbst, die ausgeblendet, verdrängt, verboten waren.

Wie dient das Enneagramm diesem Prozess?
Das Enneagramm als Modell des Kosmos kann ein Wegweiser durch das Labyrinth der inneren Welten sein, was besonders für das sogenannte Enneagramm der Charakterfixierungen gilt. Dies zeigt die geistigen Prägungen eines Menschen auf, die jenseits seiner persönlichen und kulturellen Geschichte wirken. Hier veranschaulicht das Enneagramm – auch Landkarte des Unbewussten genannt – , wie diese Kräfte in uns wirken, welche Konsequenzen sie haben und worin Befreiung liegen kann (s. Kasten). Damit kann es als Basis für jedes therapeutische Werkzeug dienen und stellt dem Therapeuten auf klare und unpersönliche Weise ein Wissen zur Verfügung, das als roter Faden für den heilenden Integrationsprozess dienen kann.

Das Enneagramm
erschien im Westen zum ersten Mal in der Lehre des armenischen Mystikers Gurdjieff. Populär wurde es dann vor allem durch den chilenischen Psychiater Claudio Naranjo, der die Theorie des Enneagramms mit seinen eigenen Erfahrungen im klinischen und therapeutischen Bereich verknüpfte und damit in den USA arbeitete. Aus diesem Weg, den das Enneagramm im Westen nahm, ergaben und ergeben sich  bis heute unterschiedliche Ebenen, wie es verstanden und genutzt werden kann - vom Verständnis einer Typenlehre bis hin zu einem Werkzeug für den spirituellen Weg. Das Symbol des Enneagramms gibt Aufschluss über die Art und Weise, wie ein Mensch sich von seinem Innersten trennt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dabei beschreibt es neun sogenannte Charakterfixierungen, d.h. neun verengte und automatisierte Perspektiven, aus der ein Mensch sich selbst und die Welt wahrnimmt, und die verhindern, dass er diesem Moment real, offen und angemessen begegnen kann. Gleichzeitig zeigt das Enneagramm Schritte der Wandlung auf. Welche inneren Welten müssen wieder ins Bewusstsein treten, damit ein Mensch die Wirklichkeit seiner selbst und des Lebens überhaupt wahrnehmen kann? Welches menschliche Potenzial liegt in uns angelegt, jenseits der bekannten Muster?

Was sind die eigentlichen Wurzeln einer Leidensgeschichte, unabhängig von ihren besonderen Ausprägungen? Worunter leidet ein Mensch? An seiner Geschichte, so wie sie geschah, oder an der Art und Weise, wie er diese Geschichte erlebt, interpretiert und daraus seine Konsequenzen für sein weiteres Leben zieht?
Dies sind zentrale Fragen z.B. für den Verlauf einer Therapie. Wenn sich der Therapeut konzentrieren kann auf die wesentlichen Leidensstrukturen im Geist seines Klienten, bewirkt dies eine Fokussierung von Lebenskraft und Aufmerksamkeit. Wenn nicht die Geschichte und auch nicht die aktuelle Lebenssituation verantwortlich für Glück und Leiden eines Menschen gemacht werden, hat er überhaupt erst die Chance auf Selbsterkenntnis und Wandlung im Innen, was auch die Voraussetzung für eine Veränderung der Lebensqualität sein kann. Hier gibt es eine „Innere Arbeit“ zu tun, eine Bewusstwerdung darüber, welche tiefangelegten Überzeugungen über sich selbst, die anderen, das Leben wirken und die Sicht der Dinge maßgeblich prägen. Dass diese innere Welt von geistigen Überzeugungen nicht verändert werden muss, ist dabei eine gute Nachricht. Das Enneagramm besagt, dass kein Gefühl, kein Gedanke, kein körperlicher Zustand wirklich die Ursache für unser Problem ist, sondern lediglich die Fixierung darauf. Die Tatsache, dass wir mit einem inneren Zustand auf unbewusste Weise so verschmolzen sind, dass unser Blick sich auf schmerzliche und begrenzende Weise verengt hat, ist unser eigentliches Leiden.

Der Benediktinerpater Anselm Grün sagt dazu:
„Der Mensch muss die Leidenschaften, wie sie im Enneagramm beschrieben sind, annehmen und anschauen, nicht beherrschen. Wenn man mit diesen Leidenschaften spricht, dann führen sie mich zum Schatz, dann führen sie mich zum wahren Selbst. Wenn man den Mut hat, hinabzusteigen in die eigene Seele, den Mut zu eigener Menschlichkeit. Evagrius sagt: "Willst du Gott erkennen, lerne vorher dich selber kennen." Deswegen ist für mich Psychologie und Spiritualität kein Gegeneinander sondern ein Miteinander.“

Fixierung und Wandlung
Das Symbol des Enneagramms beruht auf einer einfachen Grundlage, nämlich dem Wissen um die kosmologische Dreiheit der Grundkräfte. Die erschaffende, die bewahrende und die zerstörerische Kraft sind unpersönlicher Natur und bilden einen natürlichen Kreislauf von Geburt, Lebensspanne und Tod. Es sagt aus, dass jeder Mensch einen natürlichen Zugang in eine dieser drei Grundkräfte hat, woraus dann neun menschliche Archetypen entstehen (denn jede Grundkraft enthält drei Variationen ihrer Ausdrucksform). Was aus psychologischer Sicht wesentlich ist für ein erfolgreiches Leben, nämlich eine gesunde und vollentwickelte Ich – Struktur, wird dann auf dem weiteren Weg nach Innen zu einer Begrenzung unserer wahren Natur. Die fixe Identifikation mit einem Ich – Konstrukt schafft einen verengten Standpunkt, in der Sprache des Enneagramms Fixierung genannt, und verhindert, dass die ursprüngliche Kraft, frei durch uns fließen kann. Aus zerstörerischer Kraft wird dann ich- hafter Zorn und der elementare Antrieb, sich dem Leben machtvoll zu widersetzen. Aus schöpferischer, erschaffender Kraft entsteht eine unerfüllte Suche nach Liebe und die tiefe Überzeugung von Mangel. Aus einer feinen, intelligenten, bewahrenden Kraft wird pure Lebensangst, die eine Flucht aus dem Lebendigen nach sich zieht. Das Enneagramm besagt, dass diese drei emotionalen Grundantriebe eine entscheidende Rolle spielen in der inneren Zusammensetzung einer persönlichen Leidenswelt. In der Fähigkeit zur bewussten Wahrnehmung dieser Antriebe eröffnet sich ein Wandlungspotenzial, eine Integration von Unbewusstem. Wie können Zorn und Widerstand sich in Kraft wandeln? Wie führt der unerfüllte Wunsch geliebt zu werden in das Bewusstsein der Liebe? Wie finden wir aus ängstlicher Distanz mitten ins Leben? Für diese Wandlung stellt das Enneagramm für jeden Enneatyp Sieben Schlüssel zur Verfügung, deren Kenntnis einem Bewusstwerdungsprozess entscheidend und direkt dienen: Kognitiver Fehler, Leidenschaft, Tugend, Vermeidung, Abwehr, Versuchung/Fall, Aufmerksamkeitsstil. Hier zeigen sich die Schlüsselpunkte von Fixierung und Wandlung.

Wem dient das Enneagramm?
In erster Linie dient das Enneagramm dem, der es für sich selbst anwendet. Wir können andere nur so tief erkennen, wie wir uns selbst sehen können. Das gilt in allen gesellschaftlichen Bereichen, selbst in der Wirtschaft, wie es in einem Artikel der Harvard Business Review heißt: „Die erste Regel für eine Führungskraft: Erkenne dich selbst“. Ohne dass wir bereit sind, uns unseren eigenen Begrenzungen, unserem Leiden, unseren Missverständnisse zuzuwenden, können wir einem Bewusstseinsprozess in einem anderen Menschen nicht wirklich dienen, bzw. nur begrenzt. Dieses Prinzip kennt jeder Therapeut, Coach, Heilpraktiker oder Mensch, der mit anderen Menschen beruflich zu tun hat. Hingegen öffnet sich unser Blick für die psychischen Organisationsstrukturen, für die innere Welt des Geistes in anderen Menschen in dem Maße, wie wir uns selbst begegnen. Die Fähigkeit, geistige Muster und ihre Auswirkungen im Denken, Fühlen und Handeln zu sehen, entfaltet sich in uns, je absichtsloser und wahrhaftiger wir sein können, je weniger wir uns selbst außen vor halten müssen, sondern uns in dieser spezifischen Rolle eines Heilers, Lehrers oder Therapeuten im selben Prozess der Erforschung befinden dürfen.

Diagnoseinstrument und Schlüssel für Menschen in heil- und beratenden Berufen
Als „Landkarte des Unterbewussten“ eignet sich das Enneagramm hervorragend als Diagnose - Instrument. Die amerikanische Enneagramm-Spezialistin Helen Palmer sagt: „Das Enneagramm steckt die Menschen nicht in Schubladen. Im Gegenteil, es zeigt einen Weg, sich von Begrenzungen zu befreien.” Da jedes Problem im Grunde auf die Fixierung in einer der drei Grundkräfte zurückzuführen ist, kann von dieser Wurzel aus ein Thema beleuchtet werden und dem Coach, Lehrer oder Therapeuten ein inneres Wissen davon geben, worum es wirklich geht. Unverständliche Verhaltensweisen von Schülern oder Mitarbeitern können in einem anderen Kontext gesehen werden, wenn wir verstehen, was die eigentliche Motivation für dieses Verhalten ist. Übertragung und Gegenübertragung können tiefer verstanden werden, wenn wir sehen können, wie nahe uns die innere Welt unseres Gegenübers ist und was wir selbst damit zu tun haben. Das Enneagramm zeigt uns auch kollektive Prägungen und wir können Systeme und ihren Aufbau tiefgreifender verstehen und bewegen.
 Im Kern handelt es sich um eine Vertiefung der eigenen Sicht und damit ein Verständnis für die „unsichtbaren“ Kräfte, die uns bewegen. Die Erfahrung zeigt, dass, obwohl es nicht immer angenehm ist, direkt zum Kern des Problems vorzudringen, sich Menschen gesehen und verstanden fühlen in ihrem eigentlichen Leiden oder Anliegen. Mit den Sieben Schlüsseln des Enneagramms können dem Klienten konkrete Werkzeuge an die Hand gegeben werden, die einen tiefgreifenden transformatorischen Prozess einleiten können. Durch die Kenntnis und Vertiefung dieser Schlüssel, können wir lebendiger, freier, kraftvoller, aber vor allem tiefer mit uns selbst verbunden werden.

Schule und Ausbildung
Im Jahre 1995 gründete OM C. Parkin die Enneallionce - School for Inner Work, um Schüler Innere Arbeit zu lehren. Seither leitet er diese Lebensschule für Erwachsene, die sich der Erforschung der Mechanismen inneren und äußeren Leidens widmet. Sie vermittelt grundlegendes Wissen über den menschlichen Geist und über das, "was die Welt im Innersten zusammenhält". Hier finden Menschen, die ihre Exerzitien oder ihre Selbsterforschung vertiefen möchten, erfahrene Begleiter, Therapeuten und auch Weggefährten. Das Enneagramm hat der Schule u.a. ihren Namen gegeben (Ennea – llionce) und wird als Konzept genutzt. Dies geschieht sowohl indirekt als „unsichtbares“ inneres Wissen in der Begleitung von Schülern, wie auch in direkter Vermittlung an Menschen, die selber in heilenden oder beratenden Berufen tätig sind und das Enneagramm dafür nutzen wollen. Die dreijährige Enneagramm – Ausbildung bietet die Möglichkeit, auf Gut Saunstorf - Ort der Stille, fernab vom eigenen Alltag, einzutauchen in Erforschung, Inspiration und Kreativität. In mehreren thematisch ausgerichteten Treffen hat jeder Teilnehmer den Raum, den eigenen Zugang zum Enneagramm herauszufinden und wie er dieses Werkzeug für sich selbst und in seinem beruflichen Kontext nutzen kann.

Die Autoren:
Luna U. Müller
begleitet Menschen seit vielen Jahren in Einzelberatungen und Seminaren mit den Werkzeugen der Inneren Arbeit und des Enneagramms. Ist selbst Schülerin des inneren Weges und der Stille. Lehrerin der Enneallionce – Schule für Innere Arbeit, Dipl. Tanz – und Bewegungstherapeutin.

Steffen Wöhner
ehem. Gymnasiallehrer, zwanzig Jahre selbst auf einem inneren Weg begleitet er seit 1999 als selbstständiger Seminarleiter und in eigener Praxis Menschen auf ihrem Lebensweg. Lehrer der Enneallionce – Schule für Innere Arbeit, Ausbildungen u.a. im Enneagramm, Organisations- und Familienaufstellungen, Struktureller Körpertherapie, Tiefenkommunikation.

drucken nach oben